Mit Musik Vielfalt schaffen – Neues Projekt der Deutschen Bläserjugend zur inklusiven Arbeit mit Bläserklassen

Noch vor wenigen Jahren war der Begriff „Inklusion“ lediglich unter Fachleuten bekannt. Zwischenzeitlich ist er in aller Munde, denn mit dem Inkrafttreten des „Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ (BRK) in Deutschland, gibt es für alle Menschen ein Recht auf Teilhabe an allen menschlichen Lebensbereichen unserer Gesellschaft und ein konsequentes Diskriminierungsverbot.

Doch die Umsetzung ist vielfältig und bringt gerade für Musikvereine große Herausforderungen mit sich. Vielen guten Absichten stehen sie häufig noch mit offenen Fragen gegenüber. Dabei leisten schon heute vielerorts Musikvereine einen wichtigen Beitrag zur Inklusion, beispielsweise in zahlreichen Orchestern, in denen die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen selbstverständlich geworden ist. Aber auch in vielen inklusiven Kooperationsprojekten, z.B. mit Schulen.

Trotzdem sind es oftmals Berührungsängste, die eine Umsetzung von Vorhaben zur „inklusiven Praxis“ in den Musikvereinen verhindert. Wer kennt sich denn überhaupt mit so etwas aus? Und was bedeutet „Inklusion“ überhaupt?

Inklusion heißt wörtlich übersetzt Zugehörigkeit und meint das Gegenteil von Ausgrenzung. Wenn jeder Mensch – mit oder ohne Behinderung – überall dabei sein kann, in der Schule, im Orchester, im Verein, aber auch bei Freizeitaktivitäten, dann ist das gelungene Inklusion. Die alltägliche Arbeit in unseren Musikvereinen macht es notwendig, dass wir das Thema Inklusion in einem umfassenderen und ganzheitlichen Sinn sehen sollten. Inklusion meint nämlich auch, die Verschiedenheit von allen Menschen zu akzeptieren. In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, unterschiedlich zu sein und jede_r ist willkommen, unabhängig von Hautfarbe, Religion, Geschlecht, Alter, Behinderung, sexueller Orientierung und vielem mehr.

In Sachen Inklusion können Musikvereine mehr leisten. Sie sind durch ihre Breitenwirkung und die niedrigschwellige Ansprachemöglichkeit über die Musik bestens geeignet, ein gemeinsamer Ort für alle zu werden.

Doch gerade in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung erreichen Musikvereine noch längst nicht alle. Hier ist es notwendig, sich zu öffnen, Zugangsmöglichkeiten für möglichst jede_n zu schaffen und bestehende Barrieren zu erkennen, zu hinterfragen und abzubauen.

Auch ist es wichtig, dass Inklusion nicht ausschließlich Thema von Expert_innen und Politiker_innen bleibt, denn wir alle sind verantwortlich. Inklusion kann nur funktionieren, wenn sie gesellschaftlich gelebt wird. Unsere Musikvereine können davon profitieren, dass Hürden abgebaut werden, damit alle teilhaben können. Wenn weniger Barrieren in den Köpfen existieren, gelangen wir zu gelebter Offenheit und Toleranz und so zu einem besseren Miteinander. Die Spitzen der Mitgliedsverbände der Deutsche Bläserjugend haben dies in einer Positionierung des Verbandes zum Ausdruck gebracht. Sie kann unter www.deutsche-blaeserjugend.de eingesehen werden.

Verantwortliche in den Musikvereinen fragen sich nun – genauso übrigens wie Verantwortliche vieler anderer gesellschaftlicher Bereiche – wie eine praktische Umsetzung von Inklusion vor Ort geschehen kann. Wir stehen vor einer großen Aufgabe, denn es gibt für das gemeinsame Musizieren von Kindern mit und ohne Behinderung (noch) kein Patentrezept. Was braucht es hier an musikpädagogischen Methoden? Wie gelingt individuelle Förderung und gleichzeitig ein Fortschritt im Orchester? Wie können Kinder und Jugendliche in solchen Projekten auf Augenhöhe beteiligt werden? Und was ist eigentlich Erfolg? Diese wenigen Fragen machen bereits deutlich, wie umfangreich, vielschichtig und herausfordernd inklusive Arbeit sein kann. Zugleich berichten bereits inklusiv arbeitende Menschen von tollen Erlebnissen und großen Erfolgen. Wie bringen wir also den inklusiven Gedanken in die Fläche?

Die Kooperation mit Schulen kann eine Möglichkeit der Gestaltung von Inklusion sein, bei der wir vor allem jüngere Menschen erreichen können. So kann Nachwuchsarbeit inklusiv gedacht und gelebt werden. Darüber hinaus kann gelebte Inklusion in Schulorchestern, kooperativen Jugendorchestern und „Bläserklassen“ eine Signalwirkung für die Musikvereine mit sich bringen. In vielen Schulen wird Inklusion deutlich weiter vorangetrieben, als das gegenwärtig noch in Musikvereinen der Fall ist. Indem wir uns Anregungen im Umgang mit Inklusion z.B. durch Kooperationen mit allgemeinbildenden Schulen holen, können Erkenntnisse für die Arbeit in Jugendorchestern abgeleitet werden. Musikvereinsverantwortliche benötigen aber auch hier Wissen, Vernetzung und gute Praxis.
Die Deutsche Bläserjugend hat dies erkannt und das Projekt „Vielfalt? Bläser? Klasse!“ initiiert. Es handelt sich dabei um ein Forschungsprojekt, in dem von Dezember 2014 bis Juli 2016 der aktuelle Stand von Inklusionsvorhaben und -projekten vorrangig in Bläserklassen wissenschaftlich untersucht werden soll. Dazu wird bundesweit die inklusive Praxis in „Bläserklassen“ beobachtet und begleitet. Es sollen Erfolgsgeschichten, Herausforderungen und unbeantwortete Fragen aus der praktischen inklusiven musikalischen Arbeit an Schulen aufgezeigt, sowie deren Bedingungen und Unterstützungen von außerschulischen Kooperationspartner (u.a. Musikvereine) beleuchtet werden. Bislang gibt es zu wenige bis keine Forschungsergebnisse zu diesem Thema und es fehlt eine Darstellung von „Best-Practice“-Beispielen, die anhand der Praxis zeigen, wie Inklusion gelingen kann.
Die Ergebnisse aus der Forschung werden im Nachgang in geeigneter Weise zur Verfügung gestellt und sollen Hilfe im Umgang mit Inklusion in der musikpädagogischen Arbeit bieten.

Für das Projekt haben sich starke Partner zusammen gefunden: Die Deutsche Bläserjugend, Yamaha Music Europe, das Institut für Musik der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau und die Abteilung Schulmusik der Hochschule für Musik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz haben im Rahmen des Projektes „Vielfalt? Bläser? Klasse!“ eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. Geleitet wird das Projekt von Michael Schuhmacher, wissenschaftlicher Mitarbeiter an beiden beteiligten Hochschulen. Auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend war von der Idee begeistert und fördert das Projekt aus dem Innovationsfonds für kulturelle Bildung.

Verantwortliche, die in inklusiven musikalischen Kooperationsprojekten an Schulen arbeiten oder sich dafür interessieren, sind aufgerufen ihre Praxisimpulse in das Projekt einzubringen und ihre Erfahrungen, Fragen und Problemstellungen mitzuteilen. Die Projektverantwortlichen sind unter inklusion@deutsche-blaeserjugend.de zu erreichen. Weitere Informationen zum Projekt finden sich unter www.dbj-inklusion.de.

Foto: Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung, v.l.n.r. Gernot Breitschuh (Yamaha Music Europe), Prof. Dr. Achim Hofer (Universität Koblenz-Landau, Campus Landau), Prof. Dr. Birger Petersen (Hochschule für Musik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz), Michael Schuhmacher (Projektleitung), Matthias Wolf, Volker Westermayer, Matthias Laurisch (alle Deutsche Bläserjugend)

Text: Copyright by Michael Schuhmacher & Matthias Laurisch